3. Dezember 2007
Mitesser erwünscht

Kochen und bekochen lassen lautet das Erfolgsrezept der Jumping Dinner Events, die regelmäßig auch in Stuttgart stattfinden. Ob neu in der Stadt und auf der Suche nach Kontakten oder des alten Freundeskreis’ müde und Lust auf neue Leute – beim Blind Date mit drei Menügängen in wechselnden privaten Küchen kommt jeder auf seine Kosten, der an der Idee Geschmack findet.

Von Corinna Ritter

Samstagabend im Stuttgarter Westen. Im schwachen Licht des Vorhofs suchen wir die Klingelschilder nach dem Namen auf unserer Liste ab. Simone Schneider*. Wir klingeln. Sofort meldet sich eine Stimme durch die Sprechanlage: „Hallo?“ „Hallo!“ antworten wir der unbekannten Sprecherin. „Wir kommen zur Vorspeise“. Die Tür klickt leise und wir treten ein. Die ungewöhnliche Absprache an der Haustür ist nicht etwa ein Geheimcode um mögliche Verfolger abzuhängen. Wir sind tatsächlich zur Vorspeise gekommen. Und nur zur dieser. Zum Hauptgang werden wir in einer ande-ren Wohnung erwartet.

So verläuft ein Abendprogramm à la Jumping Dinner, ein Sprung-Abendessen also, das uns quer durch die Stadt führt und dabei die Möglichkeit bietet, aus fremden Kochtöpfen zu naschen und jede Menge neue Leute kennen zu lernen. Im Zweier-team folgt man zwei Einladungen zu Vorspeise, Hauptgang oder Dessert von Unbe-kannt und lädt zu einem Gang selbst ein. Bei jedem Gang trifft man auf zwei neue Teams, so dass man beim Dessert bereits mit zwölf Leuten plus dem eigenen Koch-partner gespeist hat. Nach dem letzten Gang treffen sich dann alle Dinner-Teilnehmer zu einem „Come-together“ in einer Stuttgarter Kneipe. Wer sich bis dahin noch nicht getroffen hat, hat in der Regel zumindest schon voneinander gehört. Oben in der Wohnung von Simone kommt uns schon der aromatische Geruch unse-rer Vorspeise entgegen. Wir stellen uns kurz vor. Simones Kochpartner Markus rührt in einer feinen Käse-Lauch-Creme Suppe. Obwohl er und Simone sich erst vor etwa drei Stunden kennen gelernt haben, scheint Markus sich in Simones Küche schon wie zu Hause zu fühlen. Das andere Gastteam – die beiden seit langem befreunde-ten Esslinger Johannes und Thomas – füllt gleich zwei weitere Gläser mit Prosecco. Jetzt wird erst mal angestoßen. Unser Treffen gleicht eigentlich eher einem ent-spannten Abend mit guten Freunden. Kaum sind die Namen ausgetauscht wird mit-einander gequatscht, geschäkert und herzhaft gelacht. Spätestens als die Suppe serviert wird, sind alle miteinander warm geworden. Gesprächsstoff gibt es allein schon dank der originellen Veranstaltung genug. Schnell stellt sich auch heraus, dass alle dasselbe Ziel verfolgen: In lockerer Atmosphäre einen lustigen Abend mit neuen Leuten zu erleben. Für fast alle aus unserer Vorspeise-Gruppe ist es das erste kulinarische Blind Date dieser Art. Nur Markus hat vorher schon mal an einem Jum-ping Dinner teilgenommen – und war von der Aktion begeistert. Ganz wie mit alten Freunden sei es nämlich doch nicht, wendet er ein: „Das Konzept lässt sich nicht auf den Freundeskreis übertragen“, weiß er. „Mit Freunden bleibt man eben leicht schon beim Gastgeber der Vorspeise hängen“.

Das dürfen wir uns heute Abend nicht erlauben, egal wie wohl wir uns inzwischen in Simones Drei-Zimmer-Wohnung fühlen. Denn ab 20:30 Uhr stehen bei den Hauptspeise-Kochteams bereits die Gäste vor der Tür. Johannes und Thomas sind als erste weg.
          
Mit Esslingen, wo sie in Johannes’ Küche den Hauptgang servieren, haben sie den weitesten Weg. Zum Glück wartet die Lasagne dort schon im Backofen und muss nur noch eingeschaltet werden. Was gekocht wird entscheidet jedes Team selbst. Organisator Philipp Peterich rät aber von zu riskanten Gerichten ab: „Kocht das, was Ihr am besten könnt – egal ob es leckere Spaghetti Bolognese, ein Tiramisu oder die Ente a l’Orange ist“, rät der Berliner allen Kochteams vor der Veranstaltung. Zu bedenken ist auch noch, dass vor allem bei der Hauptspeise Kochen unter Zeitdruck angesagt ist.

Trotzdem – so stellen wir kurz darauf in einer Feuerbacher Wohnung fest – kann sich das Resultat wahrlich sehen lassen. Das Gastgeber-Team Miriam und Peter servieren uns zartes Hühnerfleisch in einer leckeren Tomaten-Gemüsesoße mit Reis und Salat. Mit von der Hauptgang-Partie sind außerdem Stefanie und Michael, die gerade aus Michaels Wohnung in Reutlingen kommen, wo sie ihren Gästen Kürbiscremesuppe mit Kokosmilch und Ingwer zur Vorspeise serviert haben. Auch in Peters Wohnung ist wieder in kürzester Zeit das Eis gebrochen. Alle haben bereits Geschichten von ihrem Vorspeise-Erlebnis zu berichten und an Aufgeschlossenheit und Kontaktfreude mangelt es ohnehin den Wenigsten hier. Michael bringt die gelungene Zusammensetzung unserer Runde auf den Punkt: „Wer gerne kocht, der kann eben gar kein schlechter Mensch sein.“

Die meisten Dinner-Teilnehmer sind über Kontakt-Portale im Internet auf den Geschmack gekommen. Community-Seiten wie new-in-town.de oder datingcafe.de bewerben die Veranstaltung, die mittlerweile regelmäßig an zwei Samstagen im Monat in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Köln, München, Nürnberg, Leipzig und Stuttgart stattfindet. Altersmäßig zielen die Events vornehmlich auf Leute von Mitte zwanzig bis Anfang vierzig ab, wobei die Aktion grundsätzlich für jeden geeignet ist, der die Idee reizvoll und spannend findet. Auch was die Beschäftigungen angeht, bilden die Teilnehmer eine gute Mischung: Im Laufe des Abends treffen wir auf Studenten und Arbeitssuchenden, auf Handwerker und Akademiker und auf Juristen und Ingeneure.

Die meisten Teilnehmer sind Singles, oft melden sich aber auch gute Freunde oder Geschwister – und manchmal sogar Paare – gemeinsam an. Wer sich ohne Partner einen Platz reserviert, dem wird ein Koch-Gefährte zur Seite gestellt. Als reine Single-Party zum Beschnuppern potenzieller Romanzen möchte Organisator Peterich das Dinner-Event allerdings nicht betrachten: „Jumping Dinner ist für alle gedacht, die Spaß daran haben, unverkrampft und entspannt neue Menschen in ihrer Umgebung kennen zu lernen. Das kann auf Zugezogene, Paare, Freunde, Geschwister und natürlich auch auf Singles zutreffen.“ Wichtig sei ihm, dass die Teilnehmer einen spannenden und witzigen Abend mit leckerem Essen und vielen neuen Menschen verbringen. „Wenn jemand dabei die neue beste Freundin, den Sport-Partner oder die große Liebe trifft, ist das natürlich ein toller Nebeneffekt!“ Über positive Nachrichten, dass sich die Erwartungen der Teilnehmer an ihren Jumping-Dinner-Abend erfüllt haben, freut sich Peterich in jedem Fall: Erst kürzlich habe ihn ein ehemaliger Teilnehmer kontaktiert mit der Bitte, ihn aus dem Newsletter-Verteiler zu streichen. Seit seinem letzten Dinner-Besuch sei er nämlich glücklich verliebt. Für andere ist ein schöner Abend mit netten Leuten Grund genug, sich beim Organisator zu bedanken:

“Ich habe noch nie so viele interessante Gespräche an einem Abend gehabt. Werde sicher wieder an einem Jumping Dinner teilnehmen!” erfuhr Peterich von Jessica aus Köln. Das Kochen sieht Peterich bei der Veranstaltung eher als Mittel zum Zweck: „Kochen ist so etwas normales, das tut jeder. Gemeinsam ein Essen vorzubereiten, macht die erste Kontaktaufnahme viel einfacher.“

Peterich, der das Event ins Leben rief, lernte die Dinner-Rallye selbst vor einigen Jahren in Göttingen mit einem anderen Anbieter kennen und kam sofort auf den Geschmack: „Die Idee ist genial. Die Situation in den Wohnungen der Teilnehmer, lässt von vornherein eine sehr private Atmosphäre entstehen.“ Im Juli 2004 organisierte er in Berlin die ersten Kochteams, die sich gegenseitig zu Vorspeise, Nachspeise und Dessert einluden. Die Idee wurde schnell zum Erfolg: Heute organisiert Peterich Dinner-Events in zehn deutschen Städten. Die Organisation ist für ihn inzwischen zum Hauptberuf geworden.

In Peters Wohnung in Feuerbach geht die Zeit langsam zu Ende. In großer Hektik ist diesmal allerdings keiner, denn der Nachtisch muss bei den meisten nur noch aus dem Kühlschrank geholt werden. Außerdem sorgen die entspannte Atmosphäre und die vollen Bäuche allmählich für eine kollektive Gemütlichkeit. So trudeln beim Nachtisch in der eigenen Wohnung die Gäste nur nach und nach ein. Auch die neuen Gäste empfangen wir wie alte Bekannte, die Erlebnisse der beiden vorherigen Gänge verbinden irgendwie. Zudem sind inzwischen heiße Geschichten oder Gerüchte im Umlauf: „Habt ihr schon den mit den drei Kindern kennen gelernt?“ heißt es da etwa oder „Da soll einer ’ne Villa haben! Schon gehört?“

Nach dem Mousse au Chocolat gibt es für alle Espresso, immerhin steht ja noch das große Zusammentreffen mit allen Kochteams bevor. Neben den zwölf Personen, die wir im Laufe des Abends bei den drei Gängen kennen gelernt haben, gibt es für jeden noch zwölf weitere Leute kennen zu lernen. Ab viertel nach zwölf stehen in einer Bar in der Stuttgarter Innenstadt 26 Sektgläser bereit. Um halbeins sind wir dort die ersten. Vom Abendessen im Sprungtempo haben die meisten mittlerweile auf Genusstrinken in Schrittgeschwindigkeit umgeschaltet; bei jedem Treffen wird es später. Um kurz nach eins sind schließlich auch die letzten eingetroffen. Wie auf einer privaten Party im Freundeskreis sind mittlerweile alle über höchstens eine Ecke miteinander bekannt: Wer sich noch nicht direkt getroffen hat, der kennt zumindest einen, der den anderen kennt.

Einem Gerücht zur Folge stammt das Jumping Dinner übrigens aus der gehobenen Schicht. Mit dem Privatjet zum Champagner-Frühstück nach Paris, zum feinen Lunch nach London und am Abend zum Sieben-Gänge-Menü nach Amsterdam – so sollen sich einst Mitglieder des Lions Club einen opulenten Tag gemacht haben. Andere Stimmen behaupten die Idee stamme von amerikanischen Studenten. Genau zu klären wird dies wohl nicht mehr sein.

Sonntagnacht in Stuttgart-Mitte. Die letzten Teilnehmer des Jumping Dinners verlassen die Bar, die vierte Station dieses Abends. Wir haben gut gegessen, gut getrunken und uns gut unterhalten. Gut möglich, dass wir das wiederholen. Wenn wir mal wieder Lust auf fremde Küchen und gute Bekanntschaften haben.

* alle Namen der Dinner-Teilnehmer geändert

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