31. Juli 2004
Jumpingdinner

Mehrere Teams, drei Gänge in verschiedenen Wohnungen, unter Zeitdruck kochen und doch jede Menge Spaß und zum Schluss das große "Come-Together" für alle.

Känguruhs sind ja schon nicht schlecht. Bis zu zehn Meter hüpfen sie, um von einem leckeren Grasbüschel zum nächsten zu kommen. Das ist beachtlich und vom Homo sapiens eigentlich nicht zu toppen, verputzt der doch sein Fresschen an einem Ort. Jüngst wurde in der Hauptstadt eine andere Spezies gesichtet: Menschen, die von Gang zu Gang kilometerweit kreuz und quer durch Berlin eilen - willkommen beim Jumpingdinner. Wer "Tatort"-Fan ist, kennt das Event von der Mattscheibe: Ein Jumpingdinner in München mit einem Mord als Digestif - geschehen Anfang Mai in der Folge "Sechs zum Essen". Aber das war Fernsehen, Anglophile können sich schnell einen Reim drauf machen, worum es im realen Leben geht: Jumping heißt springen, Dinner ist Abendbrot.
Da kann es passieren, dass gegen sechs Uhr abends in einer Zehlendorfer 140-Quadratmeter-Wohnung leichte Vorspeisen à la Tabuleh, jenem arabisch-libanesischen Bulgur-Petersiliensalat, Schafskäse und Oliven auf dem Tisch stehen, um acht Uhr in einem Dachgeschoss in Mitte selbst gebackene Pizza aus dem Ofen kommt und zwei Stunden später in einer Neuköllner Altbauwohnung ein süßer Abschluss aus Beeren-Crumble mit Vanilleeis wartet. Vierundzwanzig Leute manövrieren sich an diesem Abend mit BVG oder Auto durch die Straßen, um sowohl einmal selber am Herd zu stehen als auch ihre verschiedenen Essenseinladungen wahrzunehmen.
Mit dabei auf dieser kulinarischen Pfadfindertour: Philipp Peterich. Der 36-Jährige hatte eine solche Foodrallye im privaten Rahmen in Göttingen miterlebt, war begeistert und beschloss, auch der Hauptstadt den von-Tisch-zu-Tisch-Sprung zu bescheren; im Sommer 2004 war Premiere. Die Idee ist einfach: Je ein Team kocht einen Gang und ist bei zwei anderen Paaren in einer anderen Wohnung zu Gast. Wer sich alleine anmeldet, bekommt einen Partner oder eine Partnerin zugeteilt; zwanzig Euro kostet die Teilnahme. Immer sechs Leute kommen pro Tisch zusammen - pro Gang macht das vier neue Bekanntschaften."Das Spannende daran ist, dass man auch sieht, wie andere Leute wohnen", stellt Susanne fest. Die Grafikerin hat sich solo angemeldet.
Nette, lockere Runden, die sich gut verstehen könnten, versucht Philipp Peterich mit seiner Menschenkenntnis zusammenzusetzen. Angemeldet für den ersten Küchen-Marathon hatte sich vornehmlich eine unkomplizierte Ende-zwanzig-bis-Anfang-vierzig-Generation mit Jobs vom Knast-Kfz-Ausbilder über Studenten, Unternehmensberater, Architekten, Journalistin bis zur Ärztin."So zu flirten,einfach klasse", bestätigt Maritta; die Dolmetscherin. Sie bildet gemeinsam mit einem attraktiven Architekten ein Überraschungs-Kochteam. Das Kochteam versucht, das Hauptgericht in Pankow mit den eigenen vier Rädern anzusteuern - einmal von Süd nach Nord, am Kudamm ist Totalstau, eine halbe Stunde zu spät kommen sie an.
Der Dinner-Triathlon-Zeitplan ist knapp bemessen, alle zwei Stunden wird anderswo aufgetischt. Kaum sitzt man, hat geschlemmt und sich warm geplaudert - von Gesprächsstoffmangel alleine schon ob des witzigen Events keine Spur - geht der Blick zur Uhr. "Oh, wir müssen los", lautet einer der meistgesagten Sätze des Abends, nach dem "eat & meet" der Orts- und Szenenwechsel. Trotz guter Planung, Peterich hat die möglichen Routen für alle Teilnehmer mit dabei und sich und sein Handy zum Notfalltelefon für Weg-Verirrte erklärt, erweisen sich weder minutiöse Fahrpläne noch die U-Bahn als Garant für pünktliches Erscheinen. Was nicht wirklich tragisch ist Für jedes Kochteam rennt die Zeit noch extremer als für die Gäste. Schnelle Rezepte sind das A & O. Eintöpfe, auch wenn bis auf ein Chili con carne mehr als ein Topf oder eine Pfanne im Einsatz waren, werden zum Favoriten aller erklärt, die das Los der Hauptgericht-Kreation gezogen haben; mit "nur noch warm machen" haben die Koch-teams die Sache am besten im Griff, trotz der Hektik sind die Ergebnisse gar nicht schlecht. Die akademische Viertelstunde Verspätung erweist sich trotz Siebenmeilenstiefeln als Geschenk, später ankommen, später aufbrechen - irgendwie fügt sich alles in "Eile-mit-Weile"-Manier beim Jumpingdinner und die Sightseeing-Tour durch die eigene Stadt hat auch viel für sich.
Bei der Nachspeise angekommen, weiß man, wie sich Bergsteiger nach der Gipfelerstürmung fühlen: freudig geschafft. Statt Abstieg folgt allerdings nach dem Futtern-im-120-Minuten-Takt noch ein klitzekleiner Gipfelsprung: das „Come-Together“ . Dieses beginnt nicht zu sondern "ab"-Uhrzeit, ab Mitternacht. Location ist das Molotow in Kreuzberg. Nur sechs Stunden nach der ersten Invasion in eine fremde Wohnungs-Galaxie mit fremden Bewohnern gibt's eine Art Déja-vu: Den kenn' ich doch,von der hab ich schon gehört; die Unbekannten zu           
kontakten,ist ein Kinderspiel. Alle zusammen sind zum Partyvölkchen mutiert, mit dem sich die Tatort-Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr, ohne einen Fall lösen zu müssen, bestens amüsiert hätten.
Die einzige Lösung, die noch gefunden werden muss, ist der Heimweg.Irgendwann, kurz vor Morgengrauen und einige wenige, vom Jumping zum Kissingdinner-Szenen später, outet sich einer als echte Spürnase. Er weiß von einer U-Bahn, die um vier nach vier gen Spandau fährt und kennt den Weg zum Bahnhof. Es dämmert bereits, das erste Jumpingdinner hätten auch Känguruhs nicht flotter geschafft und den nächsten großen Dinnersprung hat Philipp Peterich schon geplant.

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