Dezember 2010
Schlemmen mit Flirtfaktor

Die Idee ist einfach: Ein dreigängiges Menü wird in Gesellschaft von drei Gastgeber-Teams in drei verschiedenen Wohnungen aufgetischt. Ideal für Hobbyköche, die gerne neue Leute kennenlernen möchten. Unsere Autorin ist auf den Geschmack gekommen. Von Stéphanie Souron

Stefan ist dickköpfig und hat ein Faible für Champignoncremesuppe. Ich kenne Stefan nicht, aber ich habe mit ihm telefoniert und da schlug er die Suppe vor und war davon nicht mehr abzubringen. Vor meinem inneren Auge taucht bei dem Wort "Champignoncremesuppe" unweigerlich eine zähflüssige, graubraune Brühe auf, in der ein paar helle Klümpchen schwimmen. Um diese Vorstellung zu verdrängen, schlug ich ihm schnell ein paar andere Vorspeisen vor: Quiche Lorraine auf Salatbouquet, Zitronengrassuppe mit Putenstreifen, Pasta Pesto rosso. Stefan antwortete, man könne ja zur Not Putenstreifen in die Champignoncremesuppe schneiden.

Stefan ist mein Kochpartner, zusammen starten wir beim Jumping Dinner. Das ist ein organisiertes Koch-Event, bei dem man als Zweierteam für einen Gang eines dreigängigen Menüs verantwortlich ist. Jeder Gang wird in einer anderen Wohnung serviert, so dass jeder einmal Gastgeber und zweimal Gast ist. Stefan wurde mir zugelost, wir sind für die Vorspeise verantwortlich.

Drei Teelichter sorgen für Romantik

Es ist Samstag, 17.55 Uhr. In Stefans Küche blubbert die Suppe auf dem Herd, Stefan zündet drei Teelichter auf dem Fenstersims an. "Romantik leicht gemacht", sagt er und grinst. Ich bin froh, dass die ersten Gäste in der Tür stehen. Auch Mariam und Felix haben sich erst an diesem Tag kennen gelernt. Sie hat eine eigene Firma für Personalberatung, er ist Mexikaner und arbeitet in einer großen Bank. Die beiden scheinen sich gut zu verstehen. Allerdings muss es bei der Entscheidung, was zu kochen sei, ähnlich autoritär zugegangen sein wie bei uns. "Felix wollte unbedingt mexikanisch kochen", sagt Mariam. Sie durfte den ganzen Nachmittag schnibbeln, während Felix der Chef am Herd war. "Ich kann aber auch sehr gut kochen", sagt Mariam trotzig.

Außerdem sitzen am Tisch: Stefanie, Chefsekretärin, und ihre Freundin Lou-Ann, ebenfalls Chefsekretärin. Beide reden eher viel. Unsere Champignoncremesuppe scheint aber allen zu schmecken, nach fünf Minuten sind die Teller leer. "Leider haben wir keinen Nachschlag", sagt Stefan entschuldigend. "Will noch jemand Brot?"

Lustiges Durcheinandergeschnatter und Männersuche

Er hat schon mal mitgemacht beim Jumping Dinner, auch Mariam startet nicht zum ersten Mal. "Ich finde, das ist eine nette Idee für die langen Winterabende", sagt sie. Felix, der neu ist in Hamburg, macht zum ersten Mal mit und will an diesem Abend ein paar Leute kennen lernen. "Ich treffe mich immer nur mit meinen Kollegen", sagt er. Und die beiden Chefsekretärinnen suchen - da machen sie keinen großen Hehl draus - einen Mann. "Wenn keiner dabei ist, haben wir wenigstens lecker gegessen", sagt Stefanie und schaut auf die Uhr. "Ich glaube, wir müssen los. Unsere Gäste wollen nicht warten."

Für uns beginnt jetzt der angenehme Teil des Abends: Nicht mehr selbst kochen, nur noch essen. Zum Hauptgericht müssen wir ans andere Ende der Stadt. Auf der Fahrt dorthin erzählt Stefan, der im Buchhandel arbeitet, von seinen Lieblingsautoren und welche Musik er mag. Und was er gerne isst. "Ich hätte gerne die Enchiladas von Felix probiert", sagt er.

In den Gläsern schaukelt der Wein

Wir essen aber nicht bei Felix, sondern bei Sabine, so steht es auf unserem Laufzettel. Wer sonst noch auf uns wartet, wissen wir nicht, denn bei jedem Gang lernt man vier neue Menschen kennen. Sabine empfängt in einer schick eingerichteten Vier-Sterne-Wohnung, der Tisch ist festlich gedeckt.

Zu den Bandnudeln mit Steinpilzen gibt es selbst gemachte Salbeibutter und einen sehr guten Rotwein. "Also dort, wo wir zur Vorspeise waren, gab es für sechs Personen nur eine mickrige Flasche Weißwein zu trinken", sagt Sabine. "Ich finde das unmöglich, wenn man nicht genug Vorräte hat." Stefan und ich schauen uns beschämt an. Aber aus dem "Und-was-machst-Du-so"-Tischgespräch wird schnell ein lustiges Durcheinandergeschnatter.

Alle reden mit allen, schaufeln Nachschlag auf die Teller, in den Gläsern schaukelt der Wein. Viel zu schnell sind die 90 Minuten um, die man laut Plan Zeit hat für einen Gang. "Sorry, wir müssen Euch leider rausschmeißen", sagt Sabine um 21.50 Uhr. "Der Nachtisch wartet."

Seit 13 Uhr wird geköchelt

Für den Nachtisch müssen wir wieder quer durch die Stadt. Als wir bei Marcel klingeln, wischt der sich gerade mit einem Küchenhandtuch den Schweiß von der Stirn. "Das Dessert dauert noch ein paar Minuten", sagt er und grinst. "Nehmt doch schon mal Platz." Marcel wohnt in einer WG, fürs "Jumping Dinner" hat er in seinem Zimmer einen wackeligen Esstisch aufgestellt. Wir sitzen zusammengepfercht zwischen Bett und Schreibtisch, aus dem Boxen dingelt Musik von Abba. Aber das Panna Cotta, das Marcel eine Viertelstunde später mit seiner Kochpartnerin serviert, ist fantastisch. "Wir haben uns schon um 13 Uhr getroffen, um alles vorzubereiten", sagt Marcel stolz. Wieder schauen Stefan und ich uns beschämt an. Unsere Suppe hatte gerade mal 60 Minuten Vorbereitungszeit.

Und dann erzählen alle von ihren Erfahrungen des Abends. "Wir haben ein Team beim Hauptgericht getroffen, die hatten zur Vorspeise eine Tütensuppe vorgesetzt bekommen", lästert Panos und schiebt sich genüsslich den letzten Löffel Panna Cotta in den Mund. Wir lachen herzlich, es scheint also noch schlechtere Köche zu geben als uns. Leider stellt sich bald darauf hinaus, dass es sich bei den angeblichen Tütensuppen-Opfern um unsere Vorspeise-Gäste handelt. Sie waren mit dem Essen wohl doch nicht so zufrieden gewesen, wie es den Anschein hatte. Obwohl die Suppe ganz frisch zubereitet war, ehrlich. Das nächste Mal gibt es Quiche Lorraine!

 

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